Das nachsynodale apostolische Schreiben „Amoris Laetitia“

Kurze Anmerkungen eines asiatischen Beobachters

von Michael Bauer

Franziskus hat weltweit Aufmerksamkeit erregt. Es ist zweifellos ein wichtiges Schreiben mit vielen Anregungen.
Folgende kurze  Anmerkungen wollen keinesfalls ein vollständiges Bild Das Schreiben „Amoris Laetitita“ vom 19. März 2016 von Papst des Schreibens vermitteln, sondern sie wollen einfach eine kleine Inspiriration sein, die vielleicht den ein oder anderen anregen mag sich tiefer mit Amoris Laetitia zu beschäftigen.


1. Die Schönheit der Liebe
Papst Franziskus sieht die Liebe in der heutigen Welt vor allem durch den Konsumismus bedroht. Und dieser Konsumismus breitet sich immer mehr aus: schauen wir nur auf die gigantischen shopping malls in Manila, Bangkok und Shanghai, die immer mehr zu den neuen Kathedralen der Moderne geworden sind, und schauen wir auch auf die immer grösser und einflussreicher werdenden Online Supermärkte, die uns zu oberflächlichen Genusssklaven machen möchten. Und so kritisiert Franziskus deutlich: „In der Konsumgesellschaft verarmt das ästhetische Empfinden, und so erlischt die Freude. Alles ist da, um gekauft, besessen und konsumiert zu werden – auch die Menschen“ (AL 127). Ja, auch die Liebe wird zu einem reinen Akt des Konsums, sogar der Ehepartner wird zu einem blossen Objekt zur Stillung meiner Bedürfnisse. Gegen diesen langweiligen und narzistischen Trend zum Konsumismus der auch die asiatischen Gesellschaften in ihrem Fundament bedroht, setzt der Stellvertreter Christi auf Erden die „Zärtlichkeit“: „Die Zärtlichkeit, hingegen, ist eine Äusserung jener Liebe, die sich von dem Wunsch des egoistischen Besitzens befreit. Sie bringt uns dazu, vor einem Menschen gleichsam zu erzittern, mit unermesslicher Achtung und einer gewissen Furcht, ihm Schaden zuzufuegen oder ihm seine Freiheit zu nehmen. Die Liebe zum anderen schliesst dieses Gefallen daran ein, das Schöne und Unantastbare seines persönlichen Wesens zu betrachten, das jenseits meiner Beduerfnisse exisitiert“ (AL 127) Sehr praktisch gibt dann der Papst gleich eine Handlungsanweisung für einen „zärtlichen“ Umgang im Ehe- und Familienleben: So betont er drei Schlüsselworte: „darf ich?“,“danke“ und „entschuldige“ (Vgl. AL 133) und gerade den jungen Ehepaaren empfiehlt er „den Morgen immer mit einem Kuss zu beginnen, und jeden Abend einander zu segnen“ (AL 226). Und sehr positiv und unverkrampft erwähnt Franziskus auch die grosse Bedeutung von Leidenschaft und Sexualität im Leben der Liebenden (Vgl. Al 142-152); doch der Papst lässt der erotischen Begegnung zwischen Mann und Frau die Dimension der Intimität und des Geheimnisses und führt diese aus der „Kultur des Provisorischen“ heraus und integriert sie in eine Sinnstiftung, die ein ganzes Leben lang trägt: „Eine Liebe zu versprechen, die für immer gilt, ist möglich, wenn man einen Plan entdeckt, der grösser ist als die eigenen Pläne, der uns trägt und uns erlaubt, der geliebten Person die ganze Zukunft zu schenken“ (AL 124, Vgl. auch Enzyklika Lumen Fidei 52). Papst Franziskus gelingt es dadurch die Sexualität dem Warenkorb des Konsumismus zu entreissen und sie als Geschenk Gottes anzusehen, dass uns hilft unser ganzes Leben zu einem Abenteuer der Liebe zu machen. Meines Erachtens bringt der Papst hier eines der grossen essentials des Katholizismus wieder zum Leben, und zwar seine inkarnatorische Kraft: Das Ja zur Sinnlichkeit, das Ja zum Leib!


2.  Der Mut zur Erziehung
Papst Franziskus ist im guten Sinne des Wortes durchaus ein „Konservativer“. Das zeigt sich in seinem deutlich Aufruf an die Eltern ihre wesentliche Aufgabe als Erzieher ihrer Kinder mutig und klar wahrzunehmen: „Es (ist) mir sehr wichtig, daran zu erinnern, dass die ganzheitliche Erziehung der Kinder eine <sehr strenge Pflicht> und zugleich das <erstrangige Recht> der Eltern ist“ (AL84). Und so ist es nur folgerichtig, dass Franziskus, dass ganze 7. Kapitel von Amoris Laetita unter die Überschrift stellt: „Die Erziehung der Kinder stärken“ (Vgl. AL 259-290). Papst Franziskus greift in diesem Kapitel durchaus die Erkentnisse der modernen Pädagogik auf, wenn er etwa betont: „Die moralische Erziehung muss immer mit aktiven Methoden und einem erzieherischen Dialog verwirklicht werden, der die Sensibilität der Kinder und ihren eigenen Sprachgebrauch aufnimmt. Ausserdem muss diese Erziehung auf induktive Weise geschehen, so dass das Kind dazu gelangen kann, von sich aus die Bedeutung bestimmter Werte, Grundsätze und Regeln zu entdecken, anstatt dass sie ihm als unwiderlegbare Wahrheiten aufgezwungen werden“ (AL 264). Doch genauo klar spricht sich Franziskus für den Wert der Strafe als Ansporn für die Kinder aus: „Zudem ist es unerlässlich, das Kind oder den Heranwachsenden zu sensibilisieren, damit er merkt, dass die schlechten Taten Folgen haben...Es ist wichtig, das Kind mit Nachdruck dazu zu erziehen, um Verzeihung zu bitten und den Schaden, den es anderen zugefügt hat, wieder gutzumachen“ (AL 268). Interessant auch der Hinweis des Papst die Kinder zur „Fähigkeit des Abwartens“ zu erziehen (Vgl. AL 275). Franziskus spricht sich auch klar für eine Sexualerziehung aus, doch diese müsse unbedingt das Schamgefühl hüten (AL 280-286).
Sehr deutlich betont Franziskus die Bedeutung des Mutter- und Vaterseins, und stellt hier mutig allen modernen Zeitströmungen zum Trotz heraus: „Die Schwächung der mütterlichen Gegenwart mit ihren weiblichen Eigenschaften ist eine ernste Gefahr für unsere Erde“ (AL 173), und „das Problem unserer Tage scheint nicht mehr so sehr die bevormundende Gegenwart der Väter zu sein, sondern vielmehr ihre Abwesenheit, ihr Verschwinden“ (AL 176). 
Papst Franziskus geht es nicht darum  eine „reaktionäre Wende“ in der Familienpolitik einzuleiten, sondern vielmehr manche einseitige, radikale Übertreibungen der letzten Jahrzehnte, die einem fast absolutistischen Individualismus geschuldet waren, wieder einzufangen, und in einem organischen Ausgleich zwischen Individuum und Gemeinschaft zurückzuführen.
Papst Franziskus geht es dabei aber keinesfalls darum die Berufstätigkeit der Frau abzuwehren oder die Mitverantwortung des Mannes für die Hausarbeit zu negieren, sondern „nur“ darum festzuhalten, dass Mann und Frau sich gegenseitig ergänzen und daher nicht austauschbar sind.


3. Die Botschaft der Barmherzigkeit
Das Papst Franziskus trotz seiner „konservativen“ Grundausrichtung sehr viel Zustimmung bei Menschen ganz verschiedenen weltanschaulichen Positionen findet, liegt an seinem gesunden Realismus mit Blick auf uns Menschen. Der Papst weis darum, dass wir alle oft nur „schwache Menschen“ sind, beklagt das aber nicht in langen kulturpessimistischen Analysen, sondern schenkt uns die froh- und mutmachende Botschaft der Barmherzigkeit. Und so steht auch das achte Kapitel von Laetitia Amoris unter dem Titel: „Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern“ (Vgl. 291-312). Und so findet sich auch hier wieder das für mich das Denken und Handeln Papst Franziskus am Besten erhellende Diktum: „Vergessen wir nicht, dass die Aufgabe der Kirche oftmals der eines Feldlazaretts gleicht“ (AL 291). Das Bild des „Feldlazaretts“ ist für mich das ekklesologische Leitmotiv des Pontifikats des argentinischen Papstes. Wenn die ganze Kirche ein „Feldlazarett“ ist, dann gilt: Wir sind alle Kranke, wir sind alle Sünder vom Papst in Rom über die Bischöfe und Priester zu den Gläubigen. Wir alle brauchen Heilung!
Und wer in einem „Feldlazarett“ liegt, der will nur eins: Heilung! Und so
entwickelt der Papst eine wunderbare „Logik der pastoralen Barmherzigkeit“ anhand des Dreischritts „Begleiten, Unterscheiden, Eingliedern“, die dem Grundsatz folgt: „ dass Jesus Christus eine Kirche möchte, die achtsam ist gegenüber dem Guten, das der Heilige Geist inmitten der Schwachheit und Hinfälligkeit verbreitet“ (AL 308). Dem Papst geht es also nicht um eine Änderung der Lehre, sondern darum uns alle wachzurütteln Botschafter der Barmherzigkeit zu werden, und wahrzunehmen, dass oftmals gerade in der menschlichen Schwäche manchmal das göttliche Geheimnis besonders stark leuchtet, das Sünde und Heiligkeit manchmal nur ein schmaler Grat trennt. Die Kirche singt in der Osternacht im Exultet von der „glücklichen Schuld“. Ein scheinbares Paradox, aber ein Paradox das zum Wesen des Christentums gehört. Wer diese „glückliche Schuld“ erfahren hat, der weis, er würde sich selber verleugnen, wenn er nicht selber zum Zeuge der Barmherzigkeit werden würde (Vgl. AL 310). Und wieviele Menschen auch in Asien sehnen sich nach dieser Barmherzigkeit, in ihrer materiellen Not, in ihrer seelischen Einsamkeit, in ihrem Hunger nach einem Sinn, der ihr eigenes Leben übersteigt?

Diese drei kurzen Gedanken von mir zu Amoris Laetitia: „Schönheit der Liebe“, „der Mut zur Erziehung“, „die Botschaft der Barmherzigkeit“ haben hoffentlich schon aufgezeigt, dass es sich bei diesem Schreiben des Papstes wirklich um einen „grossen Wurf“ handelt, der für die Zukunft der Kirche ein wichtiger Meilenstein darstellt, gerade auch in Asien. Möge dieses apostolische Schreiben viele guten Früchte zeugen, und in uns allen die Freude der Liebe neu entzünden!

 

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