Gottesdienst im Gespräch

Schwimmende Insel und Nest in den Lüften

Evangelisch feiern in Shanghai

geringfügig geänderte Version des gleichnamigen Artikels in der Zeitschrift "Pastoralblätter", 156. Jg., 2016, S. 631 - 635.

Sonntag Estomihi, evangelischer Gottesdienst deutscher Sprache in Shanghai. Die Metropole am Huangpu liegt zum chinesischen Neujahrsfest im alljährlichen Festtagsdämmer. Wie die meisten Wanderarbeiter haben auch die Mehrheit der Deutschsprachigen Shanghai für einen Urlaub oder Familienbesuch verlassen. Gemeinderat Harald wird glücklicherweise erst nachmittags einen der überfüllten Züge besteigen, so kann er die Gottesdienstvorbereitungen unterstützen. Wegen der zu erwartend kleinen Gottesdienstgemeinde feiern wir im Konferenzraum des Hamburg-Liaison-Office. Diese für die Beziehungspflege zwischen den Partnerstädten Hamburg und Shanghai zuständige Einrichtung hat im ehemaligen Expo-Gelände ihren Sitz. Harald und ich bauen den Raum zur Kapelle um. Die in einem Koffer herbeigerollten Utensilien geben kirchenräumliche Atmosphäre. Wir verschieben die Tische, stellen Stühle auf, legen Liederhefte und Gemeindezeitungen aus, schmücken einen Konferenztisch zum Altar und kochen in der anliegenden Küche Kaffee. Kurz vor dem Gottesdienst kommt der mazedonische Akkordeon-Spieler Yordan. Wegen des chinesischen Festes hat er heute keinen „Gig“, so kann er den Gottesdienst musikalisch begleiten. Wider Erwarten füllt sich der Raum zu Beginn des Gottesdienstes rasch, sodass wir Stühle dazustellen müssen. Bei einer Vorstellungsrunde wird deutlich: Neben nicht in die Ferien gereisten „Einheimischen“ suchen Neuankömmlinge, Gäste, Stipendiaten, Freiwillige und Touristen die Gemeinde auf. Sie alle wollen in der Weite der Metropole Shanghai kurzfristig ankern. Auf Regieanweisungen kann ich bei solchen Gottesdiensten nicht ganz verzichten. Sowohl der Musiker wie die Gemeinde brauchen Anleitung, um Ablauf und Liturgie zu folgen. Die gesellige Runde im Anschluss zeigt, wie groß der Bedarf und die Freude über das Angebot sind. Da werden munter Adressen getauscht und Verabredungen eingegangen. Evangelisch Feiern in Shanghai bringt diejenigen zusammen, die menschliche Nähe und Begegnung unter gleich gesinnten suchen. Dabei ist der deutschsprachige Gottesdienst nur ein Angebot in einer Vielfalt evangelischer Gottesdienste dieser Stadt.

 

Verlässliche Informationen über die Anzahl christlicher Gläubiger in China gibt es nicht. Klar ist jedoch: Das Christentum, insbesondere in Gemeinden evangelischer Prägung boomt. Das gilt auch für die 25Millionen Metropole Shanghai, wo etwa 170 evangelische Kirchenbauten registriert sind. Zu ihnen gehören mehrere historische Gebäude, von denen einzelne bis zu 1000-2000 Gläubige fassen. Sowohl die offiziellen, an genehmigten Orten stattfindenden Gottesdienste als auch die nicht offiziell registrierten, gelegentlich als „Untergrundkirche“ bezeichneten Hauskirchen haben oft Schwierigkeiten, zu den gottesdienstlichen Versammlungen alle Interessierten aufzunehmen. Registrierte Gemeinden gehören zum staatlich beaufsichtigten „Shanghai Christian Council“, einem Dachverband evangelischer Kirchen verschiedenster Denominationen. Sie sind eng verbunden mit der „Drei-Selbst-Bewegung“, die für die Unabhängigkeit der Chinesischen Kirchen vom Ausland zuständig ist. Das Spektrum evangelischer Gottesdienstkultur unter diesem Dach – erst recht in den nicht registrierten Hauskirchen – reicht von lutherischen, reformierten, anglikanischen und methodistischen über baptistische, charismatische, adventistische, neuapostolische und eine ganze Palette sondergemeindlicher Traditionen. Evangelischer Glaube in Shanghai wurde historisch von US-amerikanischen Missionaren geprägt. Dies beeinflusst bis heute das geistliche Leben und die Gottesdienstkultur der Chinesischen Gemeinden. Mit der internationalen Community, die das Leben der Stadt mit gestaltet und prägt, kommen weitere evangelische gottesdienstliche Kulturen in unterschiedlichen Sprachen dazu: Neben einer ganzen Reihe englischsprachiger Gemeinden verschiedener Denominationen gibt es koreanische, kantonesische, eine dänische und eine schwedische Gottesdienstgruppe, sowie uns als ökumenische deutschsprachige Gemeinde. Mit unserem gemischt-konfessionellen Gemeinderat und einem evangelisch-katholischen Pfarrteam sind wir ein weltweites Unikat.

 

Die Deutschsprachige Community in Shanghai umfasst etwa 9.000 Haushalte, die in ein Netzwerk aus deutschsprachigen Einrichtungen und Institutionen (z.B. Deutsche Schulen, Generalkonsulate, Deutscher Club, Außenhandelskammer) eingeknüpft sind. Die meisten Deutschsprachigen in Shanghai bleiben nur für kurze Zeit in der Stadt – zwischen drei Monaten und drei Jahren. Da die Ferien von chinesischen und europäischen Festzeiten und vom Wunsch nach ausgedehntem Reisen bestimmt sind, bleiben nur kurze Kernzeiten regulärer Anwesenheit. Dienstreisen und zusätzlichen Heimaturlaube aus familiären Anlässen bringen weitere Abwesenheiten mit sich.

 

Aus diesen Gründen sind die Expats als „globale Nomaden“ nur sporadisch vor Ort. So sind wir Experten im Begrüßen, Verabschieden und der Gestaltung von Übergängen oder Zwischenzeiten. Wir suchen nach Wegen, uns auch für kurze Zeit finden zu lassen und Interessierte gastfreundlich zu integrieren. Dabei rechnen wir mit einer bunten Vielfalt konfessioneller Herkunftskulturen, Frömmigkeitsmuster und liturgischer Prägungen. In mancher Hinsicht sind wir eher einer Urlauber- als einer Ortsgemeinde vergleichbar. Gottesdienste und Feste haben die Aufgabe, Trost und Halt in den Unwägbarkeiten des Lebens in der Fremde zu bieten.

 

In den Zwischenzeiten gibt es neben gelegentlichen Veranstaltungen und Treffen die Möglichkeit, per Wechat, What’s App oder durch einen elektronischen Newsletter am Gemeindeleben teilzunehmen. Gelegentlich werden wir Pfarrpersonen von anderen Protagonisten des deutschsprachigen Lebens gebeten, zu Kernzeiten oder Schlüsselmomenten des Lebens der Deutschsprachigen in Shanghai, bzw. Süd-China Gedanken, Anregungen oder Zuspruch zu Gehör zu geben. Es kommt vor, dass solche Beiträge von weniger kirchlich Kundigen „Gottesdienst“ genannt werden – wogegen sich vor allem der katholische Kollege zur Wehr setzt. Auf jeden Fall helfen alle diese Begegnungen, an die christlich geprägte Herkunftskultur anzuknüpfen. Sie ermöglichen Gemeinschaft und Geselligkeit jenseits der beruflichen / schulischen oder nachbarschaftlichen Einbindung. Gerade weil der größte Teil der Deutschsprachigen in Shanghai vorwiegend aus Gründen des beruflichen Erfolgs oder Verdienstes in diese Stadt gekommen ist, wird die Anwesenheit von Pfarrer / Pfarrerin zu wichtigen Wendepunkten wie Abschied / Willkommen, schulische und berufliche Übergänge, Besuche prominenter Gäste, Freude und Leid, aber eben auch Gottesdienst und gemeindliche Versammlungen als Gelegenheiten zur Begegnung außerhalb alltäglicher Pflichtgemeinschaften geschätzt. Schritte zur aktiven Mitgestaltung oder gar zur finanziellen Unterstützung dieses Angebots können allerdings in der kurzen Zeit der Anwesenheit oft nur eingeschränkt in ihrer Notwendigkeit erkannt und gegangen werden. Gottesdienstliche Kollekten und engagierte Spendenaktionen haben darum ebenso wie ständige Werbung um projektweises Engagement einen hohen Stellenwert.

 

Christliche Gemeinden ausländischer Prägung und Zugehörigkeit werden in China geduldet, sind aber nicht willkommen und darum auch nicht offiziell genehmigt. Diese Tatsache schenkt uns als ökumenische Gemeinde Duldung durch die katholische Amtskirche: Es darf uns geben, weil es uns nicht gibt. Wir bleiben ein „Nest in den Lüften“ oder eine „schwimmende Insel“, wo das geistliche Leben unter jeweils zu ermittelnden Bedingungen gestaltet wird. In der Regel feiern wir wöchentlich abwechselnd evangelischen oder katholischen Gottesdienst, dazwischen aber auch mit unterschiedlichen konfessionellen Akzenten in ökumenischer Gemeinschaft. Als Versammlungsorte stehen eine zentral gelegene katholische Kirche und die uns zugeteilten evangelische Kirche am äußersten Stadtrand zur Verfügung*. Letzter stellt in ihrer kargen und ungepflegten Ausstattung, vor allem aber wegen ihrer marginalen Lage selbst für engagierte Gottesdienstbesucher eine Prüfung an deren Treue und Reisebereitschaft dar. Zu besonderen Anlässen und mit langen Antragszeiten dürfen wir an anderen kirchlichen Orten feiern. Sehr häufig finden unsere Gottesdienste in jeweils zur Verfügung gestellten oder angemieteten Räumlichkeiten statt, die wir allerdings offiziell als „nicht genehmigt“ betrachten müssen: Konferenzsäle, Privathäuser, Versammlungsräume der Wohnquartiere, einem Saal im Generalkonsulat, Gasthäuser, Hotelhallen. Ähnlich bunt und vielfältig ist die kirchenmusikalische Begleitung: Von „gar nicht“ über „Konserve“, „selber machen“ oder Laienmusik verschiedenster Prägung bis zu professionellen Musikern mit zum Teil eher für Gottesdienste unüblicher Instrumentierung und Stilrichtung (Akkordeon, Harfe, Schlaginstrumente, cross-kulturelle Stile) ist alles vorstellbar und wird gerne aufgegriffen.

* Seit August 2016 steht uns für evangelische Gottesdienste die schöne, neu renovierte Kirche im Zentrum der Stadt zur Verfügung, nur 500m von unserer katholischen Stammkirche entfernt [Anm. d. Red.]

 

Im Blick auf die gottesdienstliche Kultur hat mir der kirchenmusikalische Notstand in der DCGS im ersten Jahr besonders zu schaffen gemacht. Die inzwischen erreichte Vielfalt wird durch eigenes musikalisches Engagement und beharrliche Suche nach Musikern aufgebaut und gepflegt. Darüber hinaus eröffnet der Kontakt zur breiten internationalen Musikszene von Shanghai „Joint-Ventures“, mit zum Teil bemerkenswerten gottesdienstlichen Darbietungen. Aus dem kleinen und eher selten verfügbaren „Singkreis“ der Gemeinde wurde auf diesem Weg ein Chor mit jeweils aktuell unterschiedlicher Besetzung. Er kommt zu den wichtigsten gemeindlichen Anlässen zum Einsatz und bringt gelegentlich sogar größere Werke zur Aufführung. Das Geheimnis hinter allen Aktivitäten heißt: als Pfarrperson „Fels in der Brandung“ sein, beharrlich Kontakte pflegen, sich von Absagen oder fehlender Verbindlichkeit nicht entmutigen lassen, kurzfristig und projektweise planen, Kommunikationsmöglichkeiten in ganzer Vielfalt nutzen und vor allem: Auf die Hilfe des Ewigen vertrauen.

 

Dr. Annette Mehlhorn, Pfarrerin der DCGS seit 2013, Shanghai

 

 

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